Methode 14 – Der Zorn der Unterlegenen
Grundidee
Häufig empfinden sich Minderheiten als benachteiligt. Die Konsequenz ist fast immer, dass Rachegefühle entstehen. Und die Mitglieder des Mainstreams sind oft nicht in der Lage, sich die Gefühle von Minoritäten vorzustellen. In diesem Experiment soll dieser Konflikt beleuchtet und nacherlebt werden.
vgl.: K. W. Vopel, 2001, S. 164
Durchführung
- Die Gruppe stellt sich in zwei Reihen auf, so dass sich immer zwei Spieler gegenüberstehen.
- Die beiden Reihen stehen in einem Abstand von vier Metern voreinander.
- Der Gruppenleiter gibt eine Beziehung vor, eine Situation und ein Thema. Die Spieler sollen den Konflikt entwickeln und ihren Standpunkt detailliert darlegen. Sie sollen sich emotional stark mit ihren Charakteren identifizieren – z. B.:
- Sozialarbeiter – Skinhead
- der Ort der Begegnung: ein Jugendtreff
- das Thema: Der Skinhead möchte, dass der Sozialarbeiter bei einer Protestdemonstration mitmarschiert, aber der Sozialarbeiter weigert sich.
- Die Einzelheiten, die Art der Demonstration, die Gründe für ihren Standpunkt müssen die Spieler selbst erfinden.
- Wenn der Gruppenleiter Los! sagt, dann geht der Skinhead auf seinen Partner auf der anderen Seite zu, um seinen Wunsch vorzutragen.
- Die Szene wird in der direkten Konfrontation gespielt und im Stehen.
- Die Spieler haben fünf bis zehn Minuten Zeit, um diese Konfrontation zu spielen. Die Struktur lässt offen, wer welche Rolle spielt. Das wird jeweils spontan entschieden. Aber wenn der Erste als Skinhead losgeht, fällt dem Partner automatisch die Rolle des Sozialarbeiters zu.
- Jeder Spieler soll versuchen, den Standpunkt seiner Figur möglichst realistisch darzustellen und so viel Einfühlung aufzuwenden, wie ihm möglich ist, auch wenn das Unbehagen bereitet.
- Die eigene Weltsicht soll zurücktreten. Es kommt nicht darauf an, dass eine Lösung gefunden wird. Hier soll der Konflikt entwickelt werden.
- Nach fünf bis zehn Minuten ruft der Gruppenleiter: Stopp!, und die Spieler in der einen Reihe gehen einen Platz nach rechts, so dass jeder Spieler einem neuen Partner gegenübersteht. Diese neuen Paare spielen eine andere konfliktträchtige Szene.
- In der abschließenden Auswertungsrunde sollten die folgenden Schlüsselfragen angesprochen werden:
- Für welche Rolle habe ich mich entschieden?
- Habe ich abgewartet, so dass mir automatisch die Mainstream-Rolle zufiel?
- Wie habe ich mich in meiner Rolle gefühlt?
- Konnte ich mich mit meiner Rolle identifizieren und die Vorgaben energisch vertreten?
- Wie hat sich die Szene entwickelt?
- Wie entsteht der Zorn in der Minoritätenrolle?
- Wie hat sich der Spieler in der Mainstream-Rolle gefühlt?
- Wie fühle ich mich im Alltag, wenn ich mit Wut oder Aggression anderer zu tun habe? Fühle ich mich dann hilflos?
- Kann ich leicht verstehen, was andere wütend macht?
- Welchen Status nehme ich im Alltag ein? Gehöre ich selbst zu einer Minoritätengruppe?
- Unter welchen Bedingungen gibt es einen Dialog zwischen Außenseitern und gesellschaftlicher Majorität?
- Bei welchen Gelegenheiten wurde mein eigener psychologischer oder sozialer Status schon einmal beschädigt?
- Wie habe ich damals reagiert?
- Welche Empfindlichkeit ist ggf. zurückgeblieben?
- Gibt es in dieser Gruppe Statuskonflikte?
Beispiele
Eltern – Kind:
Das Kind/der Jugendliche möchte zu einer Abendveranstaltung. Die Eltern möchten dies aber nicht erlauben.
Chef – Mitarbeiter:
Der Chef (er bleibt stehen) führt einen Betrieb in den neuen Bundesländern und hat dem Mitarbeiter eine betriebsbedingte Kündigung gegeben, weil Aufträge fehlen. Der Mitarbeiter hat ein Jahr lang in dem Betrieb erfolgreich gearbeitet und muss Frau und zwei Kinder ernähren. Er versucht, den Chef zu bewegen, die Kündigung zurückzunehmen. Der Chef bleibt hart.
Ausländer – Polizist:
Der Ausländer kommt aus Afrika, ist illegal eingereist und von dem Polizisten aufgegriffen worden. Er befürchtet, dass er abgeschoben werden soll. Er möchte, dass der Polizist ihn laufen lässt. Der Polizist war längere Zeit arbeitslos und hat erst kürzlich seine Polizeiausbildung abgeschlossen. (Hier ist es der Polizist, der an seinem Platz bleibt.)
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