Methode 1 – Fallanalyse
Grundidee
Lerngegenstände so auszuwählen und zu strukturieren, dass an konkreten politischen Einzelbeispielen verallgemeinerbare Erkenntnisse über Politik gewonnen werden können (Wolfgang Sander)
vgl.: Kaiser/ Kaminski, 1999, S. 137ff.
Durchführung
vgl.: Kaiser/ Kaminski, 1991, S. 13
- Die Grundidee der Fallanalyse beruht darauf, dass die Schüler mit einem aus der Praxis bzw. Lebensumwelt gewonnenen Fall konfrontiert werden, den Fall diskutieren, für die Fallsituation nach alternativen Lösungsmöglichkeiten suchen, sich für eine Alternative entscheiden, diese begründen und mit der in der Realität getroffenen Entscheidung vergleichen.
vgl.: Kaiser/ Kaminski, 1991, S. 14
Phase 1: Konfrontation
- Inhalt: Die Schüler werden mit dem Fall vertraut gemacht.
- Ziel: Erfassen der Problem- und Entscheidungssituation
Phase 2: Information
- Inhalt: Selbstständiges Erschließen des bereitgestellten Fallmaterials
- Ziel: Die Schüler lernen, sich die für die Entscheidungsfindung erforderlichen Informationen zu beschaffen und bewerten.
Phase 3: Exploration
- Inhalt: Diskussion alternativer Lösungsmöglichkeiten.
- Ziel: Denken in Alternativen
Phase 4: Resolution
- Inhalt: Treffen der Entscheidung in Gruppen
- Ziel: Gegenüberstellen und bewerten der Lösungsvarianten.
Phase 5: Disputation
- Inhalt: Die einzelnen Gruppen verteidigen ihre Entscheidung.
- Ziel: Verteidigen einer Entscheidung mit Argumenten.
Phase 6: Kollation
- Inhalt: Vergleich der Gruppenlösungen mit der in der Wirklichkeit getroffenen Entscheidung
- Ziel: Abwägen der Interessenzusammenhänge, in denen die Einzellösungen stehen.
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Beispiel
-
Fallbeispiel aus der Regionalökonomie
Phase 1: Konfrontation
- Die Schüler werden mit einem Fall zum Zielkonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie aus der Regionalökonomie konfrontiert. Anhand des Konfrontationsmaterials werden die Schüler damit vertraut gemacht, dass die Stadt Paderborn neue Industrieflächen bereitstellen will. Dafür hat die Stadt das Gebiet Dreihausen ausgewählt. Als Konfrontationsmaterial enthält der Fall:
- Flugblatttext der Schutzgemeinschaft Dreihausen.
- Ablauf einer Fallstudie
- Zeitungstext: Stadt braucht Dreihausen
- Flächennutzungsplan der Stadt Paderborn
- Zeitungstext: Pro und Kontra Dreihausen
- Das Problem im Hinblick auf die geplante Industrieansiedlung besteht darin, dass das Gebiet Dreihausen in einem schönen und erhaltungswürdigen Naherholungsgebiet für die Stadt Paderborn liegt, so dass die Diskussion um das Industriegebiet unter den betroffenen Bürgern der Stadt zu einem Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und Umweltschutz führt.
- Die erste Stufe des Lernprozesses dient vorrangig der Erfassung der Problemsituation. Nur wenn Klarheit über die gegebene Situation besteht, ist eine erfolg-reiche Behandlung des Falles gewährleistet. Insgesamt umfasst die Stufe der Konfrontation drei Analyseschritte:
- Problem- und Konfliktanalyse: Was ist die Ursache für das Problem/den Konflikt?
- Situationsanalyse: Wie stellt sich die Situation für die Beteiligten dar?
- Normen- und Zielanalyse: Welche Ziele verfolgen die Beteiligten? Im Rahmen welches Normen- oder Wertesystems können sie diese Ziele erstreben?
- Im Hinblick auf die Normen- und Zielanalyse ist letztlich die Frage zu diskutieren, inwieweit ökologische und ökonomische Zielsetzungen in Einklang zu bringen sind und unter welchen Bedingungen sich ökonomische Zielsetzungen mit realistischen Aufwendungen verwirklichen lassen.
Phase 2: Information
- In der zweiten Phase gilt es, die vorliegenden Informationen gründlich zu analysieren, zu bewerten und auszuwerten bzw. neue Informationen zu beschaffen oder evtl. vor Ort Erkundigungen einzuholen und unterschiedliche Argumente und Meinungen zusammenzutragen und für die Entscheidungsfindung heranzuziehen.
Phase 3: Exploration
- Die Stufe der Exploration dient vorrangig dazu, die Teilnehmer zu befähigen, in einer gegebenen Situation stets nach mehreren Lösungen zu suchen. Im vorliegenden Fall könnten folgende Alternativen erwogen werden:
- Alternative 1: Die Stadt entscheidet sich für Dreihausen und trifft eine Reihe von Maßnahmen für den Umweltschutz.
- Alternative 2: Die Stadt sucht ein anderes geeignetes Gelände.
- Alternative 3: Die Stadt verzichtet aus Gründen des Umweltschutzes überhaupt darauf, zusätzliche Flächen für Industrieansiedlungen bereitzustellen.
- Alternative 4: Die Stadt schiebt die Entscheidung hinaus, bis weitere Analysen von Experten durchgeführt sind.
Phase 4: Entscheidungsphase
Phase 5: Präsentation
- In der fünften Phase werden die in der Regel in Kleingruppen getroffenen Entscheidungen im Plenum vorgetragen und erneut diskutiert.
Phase 6: Vergleich
- Auf dieser Stufe wird den Schülern die vom Rat der Stadt getroffene Entscheidung vorgelegt. Der Vergleich mit der in der Wirklichkeit getroffenen Entscheidung bietet die Möglichkeit zu untersuchen, wie und unter welchen Bedingungen politische Entscheidungen getroffen werden. Dabei kann u. a. besonders in den Blick genommen werden:
- Welchen Einfluss hat die Stadtverwaltung auf der Planungs- und Entscheidungsebene?
- Wie haben sich die Ratsmehrheit sowie die anderen Parteien verhalten, und wie haben sie abgestimmt?
- Was haben die Schutzgemeinschaft Dreihausen und andere Bürgerinitiativen an Aktivitäten geleistet, und was haben sie damit bisher erreicht?
- Welche Bedeutung und Funktion gewinnen Experten-Gutachten im Entscheidungsprozess?
- Welche Rechte und Einflussmöglichkeiten haben einzelne Bürger, Verbände und Interessengruppen, wenn sie politische Entscheidungsprozesse der Kommunen beeinflussen wollen?
Material zum Fall Dreihausen
Flugblatt der Schutzgemeinschaft Dreihausen
Zeitungsartikel I
Zeitungsartikel II
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Varianten der Fallanalyse
Diese Variante ist dadurch gekennzeichnet, dass die Fälle oft sehr umfangreich sind, da neben der Fallschilderung auch das gesamte Informationsmaterial dem Fall beigefügt ist oder von den Schülern angefordert werden kann. Im Mittelpunkt der Fallbearbeitung stehen die Problemanalyse, die Problemsynthese und die Entscheidungsfindung.
Bei dieser Variante werden mit der Fallschilderung die Probleme bereits ausdrücklich genannt, so dass dort mehr Zeit verbleibt, Lösungsvarianten zu erarbeiten und die Entscheidungen ausführlich zu diskutieren.
Diese Fallvariante zeichnet sich dadurch aus, dass der Prozess der Informationsbeschaffung in den Mittelpunkt rückt. Der zu bearbeitende Fall wird daher häufig unvollständig und lückenhaft dargestellt.
Diese Fallart ist dadurch gekennzeichnet, dass bereits fertige Lösungen und deren Begründungen präsentiert werden. Die Lernenden sollen in erster Linie Einsichten in die Entscheidungsstruktur realer Entscheidungsvorgänge gewinnen, getroffene Entscheidungen kritisch beurteilen und eventuell alternative Lösungsmöglichkeiten suchen.
Methode |
Erkennen von Problemen |
Informations-
gewinnung |
Ermitteln alternativer Lösungsvarianten |
Problemlösung, Entscheidung |
Lösungskritik |
Case-
Study-
Method |
Schwerpunkt: Verborgene Probleme müssen analysiert werden. |
Informationen werden
gegeben |
Mit Hilfe der gegebenen Informationen werden Lösungsvarianten des Problems ermittelt und Entscheidungen gefällt. |
Vergleich der Lösung mit der Entscheidung in der Wirklichkeit |
Case-
Problem-
Method |
Probleme sind ausdrücklich genannt |
Informationen werden
gegeben |
Schwerpunkt: Mit Hilfe der vorgegebenen Probleme und der Informationen werden Lösungsvarianten ermittelt und eine Entscheidung getroffen. |
evtl. Vergleich mit der Entscheidung in der Wirklichkeit |
Case-
Incident-
Method |
Der Fall wird lückenhaft dargestellt |
Schwerpunkt: Informationen müssen selbstständig beschafft
werden. |
|
|
Stated-
Problem-
Method |
Probleme sind vorgegeben |
Informationen werden
gegeben |
Die fertigen Lösungen einschließlich der Begründungen werden gegeben: evtl. Suche nach zusätzlichen Alternativen. |
Schwerpunkt: Kritik der vorgegebenen Lösung |
Quellen weiterer Fallanalysen
www.sowi-online.de/methoden/methoden-ol.htm
www.sowi-online.de/methoden/dokumente/fallanalyse_detjen.htm
www.sowi-online.de/methoden/dokumente/retzmann-brent-spar.pdf
www.sowi-online.de/methoden/dokumente/fall-weitz-personal.htm
www.sowi-online.de/methoden/dokumente/fall-weitz-couture.htm
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